Kapitel 8, Simund

Melinde war aus seinem Sichtfeld verschwunden, hinter Reihen von Bänken, emporgehobenen Krügen, Männern und Frauen, die es nicht am Platz hielt. Die Musikanten hatten eine Trommel hervorgeholt und schlugen einen eingängigen Takt. Die Flöten kämpften gegen den Gesang der Menge an. Sie hatten unterschiedliche Melodien im Sinn, einzelne Gruppen sangen ihre eigenen Lieder, manche grölten sie, während die Flötenspieler stoisch ihrer Vorführung folgten.

Simund fühlte sich, als säße er nur dazwischen, nicht mitten im Fest. Als ragte er wie eine Insel aus dem Meer, welches das Fest bildete. Umgeben, umspült von Menschen, Gesang und Freude. Das Meer fasste ihn an, Wellen schlugen gegen seine Klippen. Wirkungslos prallten die Lieder an ihm ab, seine Klippen standen standhaft und einsam.

Ein Schlag auf seine Schulter. Strahlend setzte sich Rodried neben ihn. „Melinde hat sich gefreut! Und die anderen Mädchen auch. Bei denen ist sie gut aufgehoben. Wir sollten uns zu den Jungs begeben.“

Simund musste erst aus seiner Versunkenheit aufwachen. „Klingt gut. Das können wir machen.“ Ihm war nicht wirklich danach, aber er wollte Rodried nicht aufhalten.

Rodried stand auf, noch immer mit diesem Strahlen im Gesicht.

Aber Rodried“, sagte Simund, als er sich ebenfalls erhob, „ich würde heute noch gerne mit deinem Vater reden.“

Rodried setzte sich in Bewegung. „Aber Simund“, sprach er. Er war nur einen Meter von Simund entfernt, trotzdem hatte er Mühe, ihn zu verstehen. „Viele wollen schon mal die Gelegenheit nutzen, während sie sich am Hofe Spatzensturz aufhalten. Du wirst dich anstellen müssen.“

Simund versuchte, zu ihm aufzuholen. Ihr Gespräch musste nicht jeder hören. Jemand fiel ihm vor die Füße, ein Schwall Bier flog aus seinem Krug und hätte beinahe Simunds Hose benässt. Kriegt das überhaupt noch jemand mit?, fragte er sich. Simund sprang über den am Boden Liegenden (der lautstark lachte) und zog Rodried am Arm. „Es ist wichtig. Melinde muss auch mit ihm sprechen.“

Rodried wirkte kurze Zeit verblüfft, blinzelte und schaute ihn mit offenem Mund an. Sein Ausdruck bekam etwas Dummes. Dann nahm er ihn in den Arm und ging mit ihm weiter. „Du weißt, mein Freund, ihr beide könnt euch auch immer an mich wenden. Ich leite es dann an meinen Vater weiter. Das geht viel schneller, als darauf zu warten, dass er all diese Bittsteller zufriedengestellt hat. Auf mich hört er und er weiß, dass ich mit Nichtigkeiten nicht seine Zeit stehle.“

Simund flüsterte ihm ins Ohr: „Melinde hat etwas gesehen.“

Rodried blieb stehen. „Was? Was hat sie gesehen?“

Simund schüttelte mit dem Kopf. „Nicht hier. Sie muss es ihm in aller Ruhe erklären.“

Oh, richtig, richtig. Kann ich dabei sein?“

Nun … ich denke mal, als zukünftiger Fürst von Spatzensturz …“

Ja, da betrifft mich das auch. Weißt du was?“ Rodried entließ ihn aus seinem Griff. „Ich suche ihn mal gleich. Unsere Freunde sitzen dahinten. Setz‘ dich zu ihnen.“

Rodried wies auf eine Reihe von Bänken, auf der die jungen Männer saßen und die Burschen, die noch zu welchen werden wollten.

Ich gehe dann mal. Der Alte wird sich schon irgendwo hier herumtreiben.“

Damit ließ Rodried ihn allein. Simund schaute auf die Bänke, rührte sich nicht. Einer der Burschen bemerkte ihn, winkte ihn zu sich. Mehrere Köpfe wandten sich in seine Richtung. Simund erkannte ihn. Nicht gerade ein Freund, aber sie hatten schon ein paar Worte gewechselt.

Na dann.

Er suchte sich einen freien Platz, fand keinen, bis man für ihn enger zusammenrückte.

Simund!“, rief der Bursche mit strohblondem Haar, das ihm struppig bis zu den Schultern reichte.

Berlaug“, antwortete Simund und gab sein Bestes, einem Gespräch aufgeschlossen gegenüber zu wirken. „Wie geht es dir?“

Kann mich nicht beklagen! Und wie läuft es draußen im Wald?“ Berlaug wandte sich an seinen Nachbarn. „Simund ist schon Grenzreiter.“

Bitte nicht. Simund seufzte innerlich auf. Das führt nur wieder zu mehr Fragen.

Grenzreiter?“, fragte Berlaugs Nachbar, ein dickleibiger junger Mann mit sich leicht überschlagender Stimme. „Sag, Simund, wie alt bist du?“

Und schon geht es los. „16.“

Wusste ich es doch! So jung und schon Grenzreiter? Wie ist die Arbeit da draußen?“

Gut“, antwortete Simund. „Ich habe mein Gebiet und darf zur Selbstversorgung jagen, wonach mir ist. Darf Holz schlagen, Fallen stellen, etwas anlegen. Solange ich ein Auge auf das Gebiet werfe und dem Fürsten alles melde.“ Simund hoffte damit, von seinem Alter ablenken zu können.

Ist dein Vater nicht mehr in der Lage, die Arbeit zu leisten?“, fragte der Beleibte weiter.

Seit ungefähr 11 Jahren nicht mehr.“ Und jetzt frage mich bitte nicht auch noch nach meiner Mutter.

Aber mehrere Anwesende lauschten bereits ihrem Gespräch. Hinter Simund tauchte ein Arm auf und stellte einen Krug Bier direkt vor ihn. Ein würzig-herber Geruch stieg ihm augenblicklich in die Nase. „Damit die Kehle beim Erzählen nicht austrocknet“, sagte die Person hinter ihm und verschwand wieder.

Also ist dein Vater“, sprach der Fette weiter, „schon vor vielen Jahren verstorben? Und deine Mutter?“

Simund nahm einen Schluck. Wenigstens schmeckt es. „Auch. Beide bei einem Brand verstorben.“

Simund sah das Feuer vor sich, konnte plötzlich die Hitze auf der Haut spüren. Fühlte wieder die Arme seiner Schwester um sich geschlungen, schaute ihren Tränen dabei zu, wie sie ihre Wangen herunterliefen. Der Dachbalken brach zusammen. Die Decke ein rotes Meer. Das Atmen fiel ihm immer schwerer, es brannte in den Augen. Jemand streckte ihm eine Hand entgegen. Simund wusste nicht, wer es war. Er ergriff die Hand und wurde mitsamt seiner Schwester aus dem Schutt gezogen und in den Armen aus der Halle getragen. Wenn ich mich nur an sein Gesicht erinnern könnte.

Ich möchte nicht wirklich davon erzählen.“

Ein Schweigen machte sich breit. Simund nahm einen weiteren Schluck und hoffte darauf, dass Rodried ihn endlich abholen würde.

Die Tür öffnete sich, vor ihnen ein weiter, hoher Raum. Arwinne, ein zierliches Mädchen mit dichtem, braunem Haar, stand neben der Tür und lächelte Simund an.

Hallo Simund“, sprach sie und schlug die Augen nieder. „Und hallo Melinde. Schön dich hier zu treffen. Willkommen im Fürstenhaus Spatzensturz.“

Simund kratzte sich am Hinterkopf, schaute abwechselnd die Tür und sie an. „Ja … hat dein Vater Zeit?“

Er sitzt schon dort. Tritt nur ein.“ Sie machte ihm Platz.

Danke“, sagte er knapp und führte Melinde in den Raum. Rodried folgte ihnen; Simund merkte, dass er bei Arwinne stehen blieb und mit ihr ein paar leise Worte tauschte.

Eine Feuerstelle in der Mitte des Raumes, ein paar Stühle und Bänke darum herum, ein Mann eingesunken und in Fellen gehüllt auf einem Hocker. Er stocherte mit einem Schüreisen im Feuer. Auf dem festgestampften Lehmboden waren Felle ausgelegt, ein paar weitere an die Wände gehängt. Die Kapitelle der Säulen, die das Gebälk hielten, zeigten Vögel in einem Blattwerk. Zu viert, in jede Himmelsrichtung blickend, hielten sie die Dachkonstruktion. Der Rauch des Feuers stieg durch ein Loch in der Decke.

Mein Fürst Darlaug.“

Mein Fürst Darlaug“, wiederholte Melinde.

Setzt euch“, sprach der Herr. Er wirkte müde, die Augen eingefallen. Simund kannte ihn schon fast sein ganzes Leben; kein Wunder, dass Rodried davon sprach, bald Fürst zu werden.

Wir wissen“, begann Simund, während er sich mit Melinde dem Fürsten gegenüber setzte, „dass Ihr heute schon reichlich Besuch hattet.“

Darlaug winkte ab. „Nicht zu förmlich. Ihr beide wisst, dass ihr jederzeit zu mir kommen könnt. Also …“ Er schaute zu Arwinne. „Bring ihnen etwas zu trinken.“ Und wieder an die beiden gewandt: „Meine Frau treibt sich hier irgendwo herum und sorgt dafür, dass meine Schützlinge da draußen auch genügend zum Saufen haben. Verdammtes Vorerntefest. Ich muss zugeben, dass ich auf ein paar Traditionen unseres Volkes gerne verzichten würde. Aber das sage ich als derjenige, der das Fest ausrichten muss.“ Er lachte. „Und? Wie läuft es im Wald? Da ich nichts von dir höre, gut, oder?“

Ja, keine besonderen Vorfälle.“

Die Tiere?“

Gesund. Zahlreich. Kann mich nicht beklagen. Ein paar Wolfsspuren. Ich habe mich mit den anderen Grenzreitern unterhalten und wir haben dafür gesorgt, dass sie den Herden fern bleiben.“

Ah, ich habe gut daran getan, dir dieses Land zur Verfügung zu stellen. Komm mal näher, Simund.“

Simund erhob sich und beugte sich über das Feuer.

Die Arbeit da draußen tut dir gut. Aus dir wird noch ein Mann.“

Simund setzte sich. „Danke, mein Fürst.“

Und Melinde?“

Ja, mein Fürst.“

Gefällt dir das Leben da draußen?“

Ich bin dankbar“, antwortete sie, „dass Ihr uns dieses Leben ermöglicht habt.“

Darlaug verzog das Gesicht. „Das ist nicht wirklich eine Antwort. Du hast noch immer die Möglichkeit, hier bei uns dich als Teil der Hofhaltung zu verdingen. Wir können Arbeit für dich finden, bei der deine … du weißt. Nicht wirklich stört.“

Melinde schwieg. Arwinne trat heran und überreichte beiden einen Krug Bier. Simunds Blick traf ihren kurz und er wollte sich bedanken. Nur die Worte brauchten zu lange, ihm aus dem Halse zu kriechen. Ein Moment des Zögerns, Arwinne wartete vergeblich und verschwand wieder.

Ich konnte mich einst normal mit ihr unterhalten. Wann hat sich das geändert?

Simund schaute ihr noch nach, wie sie den Raum verließ, und fühlte sich dann von ihrem Vater ertappt. Über das Feuer hinweg fixierte der Fürst ihn.

Na ja“, bemerkte Darlaug, ohne genauer darauf einzugehen, „ihr beide wollt eben zusammenbleiben. Kann ich euch nicht verdenken, nach dem, was ihr erlebt habt. Mein Sohn meinte, dass ihr mir was Wichtiges zu berichten habt?“

Richtig“, sagte Simund.

Rodried nahm sich einen Hocker und setzte sich so, dass er seinen Vater und die Geschwister anschauen konnte.

Melinde hat etwas gesehen. Wie nur sie es sehen kann.“

Darlaugs Körper spannte sich, er nahm eine festere Haltung ein. „Mein Kind, erkläre mir, was du gesehen hast. Was wollten die Götter dir mitteilen?“

Melinde senkte den Kopf. Ihre Hände spielten mit dem Krug. „Ich sah …“

Lauter, bitte“, wünschte der Fürst.

Melinde stand ganz auf. Simund glaubte ein Beben in ihrer Stimme zu hören. „Ich sah einen Schwarm aus Mäulern. Abertausende gierige Mäuler. Und die Zerstörung, die sie anrichten werden. Leergefressene Felder. Landstriche bar jedes Lebens.“ Sie ging vom Feuer weg, Simund sprang auf. Er fürchtete, sie würde sich an etwas stoßen. Rodried hatte dieselbe Idee und nahm bereits einen Hocker aus dem Weg. „Sie kommen aus dem Osten. Der wieder zum Leben erwachte Vogel flog gen Osten. Sie werden kommen und schreckliches Unheil über die Länder der Merowa bringen.“

Wann?“, fragte Darlaug.

Ich weiß es nicht. Bitte glaubt mir.“

Leergefegte Felder?“, stieß Rodried aus. „Bald steht die Ernte an! Was ist, wenn sie jetzt kommen?“

Beruhige dich“, meinte Darlaug. „Diese Warnung könnte sich auf eine Gefahr beziehen, die in weiter Ferne liegt.“

Aber wir sollten uns so schnell wie möglich darauf vorbereiten.“

Da hast du recht“, stimmte Darlaug seinem Sohn zu.

Simund indessen fasste seine Schwester an den Schultern und führte sie sanft zu ihrem Platz zurück. „Trink etwas, du bist erregt.“ Und zum Fürsten: „Ist nicht bald das Königs-Thing? Vielleicht solltet Ihr es den Fürsten vortragen. Die Fürsten im Osten wissen möglicherweise mehr über diese Gefahr.“

Sollten wir euch mitnehmen?“, fragte Darlaug mit einem Lächeln. „Nein, das wäre keine gute Idee. Aber ja, ich werde es dem Königs-Thing vortragen.“ Darlaug hielt sich die Stirn, er atmete einmal schwer ein und dann aus. „Mädchen, die Götter mögen dich mit Blindheit geschlagen haben. Ist es das wert, dafür diesen Schrecken zu sehen?“

Melinde nahm einen tiefen Schluck. Sie hatte Schaum am Mund, den sie sich abwischte. „Wir suchen uns unser Schicksal nicht aus.“

 

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