Kapitel 9, Piasus

Piasus fiel auf. Er hatte sich die groben Stoffe der Merowa angezogen, trug die Haare lang und ungepflegt, ließ sich wieder einen Bart wachsen. Trotzdem fühlte er sich beständig von diesen Merowa angestarrt. Vielleicht klappte das Untertauchen doch nicht so gut, wie er es sich vorgestellt hatte. Piasus stand an einem kleinen Hafen und starrte auf das Westmeer hinaus. Die Wellen spülten brackiges Wasser ans Ufer, der Himmel zog sich grau zu. Ihn fröstelte bei dem Anblick und er warf sich einen Fellmantel über die Schultern, den er auf dem Weg hierhin erstanden hatte.

Piasus wandte sich wieder dem Hafen zu und schaute sich die Merowa an. Das Volk hier war von kräftigem Wuchs und grobschlächtiger Natur. Selbst die Frauen wirkten, als verrichteten sie nur harte Bauernarbeit, sahen feist und stämmig aus. Na ja, es ist auch ein Volk von Bauern und Jägern, dachte er sich. Die Menschen hier besaßen meist helles bis sogar rotes Haar, das er aus seiner Heimat nicht kannte.

Vielleicht sollte ich aber auch nicht so sehr glotzen. Das macht mich ja erst recht verdächtig.

Piasus versuchte so zu tun, als sei er jeden Tag an einem Hafen des Westmeeres und schlenderte zu den Stegen. Mehrere Schiffe waren dort vertäut. Niedriger Tiefgang, die Schiffe waren lang und schlank gebaut. Nur ein Segel erhob sich in den grauen Himmel. Das Steuer war nicht hinten ans Heck gebaut, sondern an der Seite des Schiffes. Piasus konnte sich kaum vorstellen, wie man damit übers Meer fahren sollte.

Er betrat einen der Stege. In manchen der Schiffe schliefen die Seemänner, andere wurden gerade beladen. Er sah viele beschädigte Schiffen, auf hoher See musste es rau zugehen. Seeleute waren damit beschäftigt, an ihnen zu zimmern, sie sägten und schlugen mit ihren Werkzeugen.

Vorbei“, schnauzte ihn jemand von hinten an. Piasus machte einen Schritt zur Seite und blickte in das Sommersprossengesicht einer Rothaarigen. Kaum zu fassen, dass diese Frau ihn gerade noch so rüde aus dem Weg geräumt hatte. Er schaute ihr hinterher, wie sie einen schweren Sack auf der Schulter transportierte. Sie war in eine grüne Tunika gekleidet, die ihr fast bis zu den Knien reichte. An dem Gürtel hing ein Schwert. Der Gürtel betonte ihre Figur als Frau, welche so gar nicht zu den Lasten passte, die sie mit sich trug.

Piasus‘ Interesse war geweckt, er beschloss ihr zu folgen. Ein schaute er zu, wie sie den Steg hinabging. Bis sie bei einem Langschiff stoppte und mit dem Sack aufs Deck sprang.

Ein Seemann war sogleich da, ihr den Sack abzunehmen. Ein mäuseartiges Geschöpf mit spitzem Kopf und schmalem Bart bekam sogleich ihre ganze Aufmerksamkeit, als er mit ihr sprach, mehrmals auf verschiedene Stellen auf das Schiff zeigte und ihr immer wieder ein Seil entgegenhielt. Ein Dritter kam hinzu, der mit nur einem Auge und einem Kreuz so breit wie fast das ganze Schiff, einen furchtbaren Eindruck auf Piasus machte. Die Rothaarige hörte sich gelassen an, was die beiden ihr zu erzählen hatten, nickte ab und zu und sprach ein paar kurze Sehr gut’s, Aha’s und Hm’s aus.

Das Einauge bekam mit, wie Piasus die ganze Zeit auf dem Anlegesteg stand und die Rothaarige anstarrte.

Brauchst du was?“, fragte der Einäugige in dem ruppigen Ton, der hier anscheinend gebräuchlich war.

Vielleicht“, antwortete Piasus. „Ist das dein Schiff?“

Nein. Ihres.“ Er zeigte auf die Rothaarige.

Das wird ja immer besser. „Also, was willst du?“, fragte die Kapitänin des Schiffes. „Gucken kostet zwar nichts, aber irgendwann geht es uns auf die Nerven.“

Ich muss zugeben, das erste Mal am Westmeer zu sein.“ Piasus ließ es gleich bleiben, sich als einen Nordländer auszugeben. Ehrlichkeit könnte seine Chance verbessern, in diesem Fall vielleicht. „Bei uns sieht man Frauen nicht oft auf den Schiffen, jedenfalls nicht als Seemänner. Reist ihr weit? Sucht ihr eine neue Heimat?“

Wir sind das Volk der Brega“, antwortete sie. „Das Meer ist unsere Heimat. Wenn die Frauen nicht auf dem Schiff sind, dann treiben sie auf dem Wasser. Wir haben keine Häuser, aber Schiffe. Keine Länder, aber das Meer. Keine Straßen, sondern die Wellen und den Wind. Aufenthalte, wie hier am Hafen, sind nur von kurzer Dauer, um ein paar Vorräte einzukaufen. Verwechsle uns nicht mit den Merowa.“

Hasst ihr sie?“

Nein, wir haben nur andere Lebensweisen. Also, was willst du?“

Hat das Schiff einen Namen?“, fragte Piasus und legte ein freundliches Lächeln auf. „Wir geben allen unseren Schiffen einen Namen. Die Brega etwa nicht?“

Doch“, antwortete sie mit verschränkten Armen und legte eine kurze Pause ein. „Das Schiff heißt Dodnar.“

Hm … Dodnar.“ Piasus ließ sich das Wort auf auf der Zunge zergehen wie einen Schluck Wein (den er länger nicht mehr genossen hatte). „Das klingt nach einem Merowa. Teilen eure Völker sich die Namen? Oder bedeutet das etwas Bestimmtes?“

Ich habe Besseres zu tun“, meinte sie und ging über das Deck.

Piasus folgte ihr. „Heißt du etwa Dodnar? Nein, das kann nicht dein Name sein. Dodnar ist ein Männername, so viel weiß ich Bescheid.“

Bist du nur wegen der Namen hier?“ Sie war am Heck angekommen und löste eines der Taue vom Steg, während sie ihn nicht eines Blickes würdigte.

Piasus trat auf das Seil, was sie mit einem wütenden Schnauben kommentierte. „Ich bin an Menschen interessiert. Beobachte, wie sie reden, sich gebärden, denke über ihre Taten nach. Und Namen gehören zum Menschen dazu. Sie erzählen eine Geschichte. Und sie verraten viel über den Menschen, der gezwungen ist, mit diesem Namen zu leben. Denn er trifft uns wie ein Schicksalsschlag. Werden wir dem Namen gerecht? Werden wir ihm nur deshalb gerecht, weil wir ihn tragen müssen? Wussten unsere Eltern oder wer auch immer uns den Namen gab, was aus uns werden würde, handelten also in weiser Voraussicht? Gaben uns gar die Götter selbst diese Namen, schon lange bevor wir geboren wurden und bestimmten unsere Eltern nur zu ihren Verkündern, sind wir also schon Teil eines großen Planes?“

Bedeutet dein Name: Schwätzer?“, fragte die Rothaarige und die halbe Dodnar lachte.

Auch Piasus stimmte in das Lachen mit ein, bis die Rothaarige verstummte. „Ja, das hätte gepasst. Aber nein. Mein Name ist Piasus. Das ist der Name einer Bucht, in dessen Nähe ich aufwuchs. Ein alter Name, der nicht von den Menschen stammt. Das Wasser dort ist ganz anders als die stürmische See des Westmeeres.“ Und Piasus schaute zum Meer hinaus, um es sich genau vorzustellen. „Ein klares Blau, selbst wenn ich weit raus schwamm, konnte ich noch den Sand auf dem Meeresboden und die Fischschwärme sehen. Die See war meist ruhig, die Bucht lag dem Wind abgewandt. Man konnte dort leicht Krebstiere fangen und die wenigen Haie, die dort lauerten, waren meist klein und hatten mehr Angst vor uns Kindern als wir vor ihnen. Manche ließen sich sogar streicheln.“

Piasus nahm den Fuß vom Tau und schaute wieder die rothaarige Schiffsführerin an. Entdeckte er da ein Leuchten in ihren Augen? Gut, meine kleine Geschichte scheint ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben.

Aber das ist lange her und ich bin weit von der Piasus-Bucht entfernt. Nun muss ich mir Gedanken darüber machen, wie ich dieses ungemütliche Wasser befahren soll.“

In welche Richtung soll es denn gehen? Ach ja, mein Name ist Hedda.“

Hedda! Ich glaube, das passt, was auch immer das bedeuten soll. Nach Norden, die Küste entlang. Nach ein paar Tagen Schiffsreise muss ich wieder von Bord, um in das Innere der Nordlanden zu gelangen. Ich kann die Reise bezahlen“, und Piasus holte den Geldbeutel aus dem Mantel und ließ das Innere klimpern. „Habe selber schon auf dem Schiff gearbeitet und kann auch mit anpacken, wenn das nötig ist. Nur in diesen Gewässern kenne ich mich nicht aus und auch nicht mit dieser Art Schiff, die ihr hier fahrt.“

Hedda stieg vom Deck auf den Steg und streckte die Hand nach dem Geld aus. „Ich will die Münzen sehen, nur um sicher zu gehen.“

Piasus reichte ihr eine Silbermünze heraus. Hedda betrachtete sie von allen Seiten, wog sie in der Hand. „Das ist Geld der Mykerios“, bemerkte sie.

Der Kolonien am Goldsee, um genauer zu sein. Was ist das Problem? Silber wiegt überall gleich. Es ist auch reines Silber, garantiert nicht mit Kupfer oder sonst etwas vermischt.“

Die Merowa nehmen aber nur von Zwergen gemünztes Geld an. Solange wir auf den Handel mit ihnen angewiesen sind, wird es uns nichts nützen.“

Sie schaute auf den Beutel und spielte mit der Münze in der Hand herum. Dabei verzog sie den Mund von einer zur anderen Seite. „Warte hier“, sprach sie und ging mit der Münze ans Deck, um sich mit dem Mausgesicht und dem Einäugigen zu unterhalten.

Hat dich das Orakel nur ausgewählt, weil du so gut darin bist, dir Geschichten auszudenken?, fragte er sich. Die Piasus-Bucht? Wenn Hedda jemals herausfindet, dass mein Name in einer alten Sprache wirklich „der, der gut redet“ bedeutet, wirft sie mich von Bord.

Sie kam wieder und stellte sich vor ihn, die Arme in die Hüften gestemmt, aber mit einem kurzen Anflug von einem Lächeln im Sommersprossengesicht, das sie sich zu verkneifen suchte. „Ein Teil des Geldes wird im Voraus bezahlt“, sagte sie, „und der Rest je nachdem, wie lange die Reise dauert.“

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