Wem gehört die Stadt?

Von Alkohol angetrieben liefen drei Trinkmaschinen durch Spalier stehende Laternen. In ihrem Licht waren die fröhlichen, aber entgleisten Gesichter kurz zu sehen. Außerhalb des Lichtes zeugten nur ihre Rufe von der Eroberung dieses Straßenzuges.
„Wem gehört die Stadt?“, fragte einer der Drei gellend in die Nacht hinein. Er studierte Medizin. Von den Schlachtfeldern der Bars zogen sie in den Spiegelsaal der Straßenbahnhaltestelle. Auf der Bank proklamierten sie sich zu Herrschern, als erste Amtshandlung traten sie eine Mülltonne um.
Einer, der etwas studierte, das keiner beim ersten Versuch aussprechen konnte, balancierte im Handstand auf den Gleisen. Die Straßenbahn fürchtete er nicht, sie würde noch Stunden brauchen, um ihm den Platz streitig zu machen. Von Herzen lachten sie über diese Kapriole. Schließlich fiel er vornüber auf die Kieselsteine und die Holzplanken. Zwischen den Gleisen begraben glaubten sie ihn tot. So würdevoll, wie ein Alkoholgetriebener es schaffte, erhob er sich aus seinem Grab und kündigte seine Wiederauferstehung an.
Derjenige, der noch nicht wusste, was er studieren sollte, rief ihn von der Bank herab zum Herrn der Gleise aus. Würde er sich der Straßenbahn entgegenstellen können?
„Ist das mein imperium oder mein potestas?“, fragte der Herr der Gleise.
„Nein, nein!“, protestierte der angehende Mediziner. „Die Volksversammlung hat darüber nicht abgestimmt! Das ist ein großer Frevel!“
„Komm schon, du darfst in meinem imperium auch der Liktor sein.“
Der Herr der Bank lobte das Höchstmaß an Feingeistigkeit, das sie in diesem Zustand noch fähig waren aufzubringen und erlaubte es.

Er war nicht mehr der Herr der Bank. Der Herr der Gleise war sein imperium geflohen und hatte den Liktor gleich mitgenommen. Mit Gewalt zogen vermummte Gestalten ihn herunter, zurück auf den Boden der Realität. Die Gefahr machte ihn wieder nüchtern, aber nicht wehrhaft. Der junge Mann, der nun allein diesen Gestalten gegenüberstand, war nicht klug und auch nicht diplomatisch.
„Wem gehört die Stadt?“, fragte eine der Gestalten, bevor der junge Mann von einem Faustschlag getroffen wurde. Seine Stirn küsste die Gehwegplatten, als ob dieser Schlag ihn Demut lehren sollte. Dunkles Blut füllte die Rillen zwischen den Platten. Der junge Mann verlor darin ein paar Promille.

Eine Narbe würde bleiben, auch nach sorgsamer Behandlung der Verletzung.
„Wem gehört die Stadt?“, fragte der Polizeibeamte, der gerade erst das Krankenhaus betreten hatte.
Diese Frage war eine der wenigen Auskünfte, welche der junge Mann über seine Angreifer geben konnte. Sie kamen aus der Dunkelheit und verschwanden in ihr auch wieder.
Wie benommen erreichte er auf schwachen Beinen das Krankenhaus, immer noch wie benommen ließ er die Fragen des Beamten über sich ergehen. Am liebsten hätte er ihm eine Frage gestellt: „Wo waren Sie, als es passierte? Ist das nicht Ihre Stadt?“ Alle anderen Fragen waren für ihn Zeitverschwendung. Die Angreifer waren nichts weiter als gesichtslose Gestalten mit Fäusten, geboren in der Nacht. Das versuchte er dem Beamten klar zu machen.
„Wie können Sie Gestalten der Nacht fangen?“, fragte er abwesend. Alkohol und Adrenalin machten ihn dumm. Der Beamte nahm das nicht in seinen Notizblock auf. Er schaute ihn nur an, verwundert und mitleidig. Das war schlimmer als der dumpfe Schmerz im Gesicht.
Langsam realisierte der junge Mann, dass dieser Vorfall der Nacht die Unschuld genommen hatte. Dunkle Ecken, in denen man sich vor der Außenwelt verstecken und ein friedliches, isoliertes Eigenleben genießen konnte, waren nun Horte von Monstern. Die Einsamkeit der Nacht, wenn er allein durch die Straßen zog, etwas wankend auf seine Schlafstätte zusteuerte, war zuvor Freiheit, nun jedoch Gefahr.
„Hier, ich gebe Ihnen einen Termin. Dann können Sie, wenn es Ihnen besser geht, einen Zeugenbericht abgeben.“
„Und was wird aus der Nacht?“ Sein Schädel dröhnte, nur dumme Fragen kamen aus ihm heraus.

Er hatte dem Krankenhaus ihre Nummer genannt. Man klingelte sie aus dem Bett, damit sie ihn abholen konnte. Sie wartete draußen beim Auto. Die Dämmerung brach über den Dächern der Stadt herein, als er aus dem Krankenhaus trat.
Die Umarmung währte nicht lang.
Sie stieß ihn von sich und sagte: „Ich würde dir eine klatschen, wenn dein Gesicht nicht so geschwollen wäre! Was machst du auch die ganze Nacht für einen Blödsinn? Was treibt dich dazu? Und wie viel Geld hast du wieder rausgehauen?“
„Du klingst wie meine Mutter“, war seine müde Antwort.
„Die ist aber nicht hier. Ich bin hier.“
„Und dafür bin ich sehr dankbar …“
„Hör damit auf.“
Sie schaute ihn wütend an und er war machtlos. Dann stiegen ihr Tränen in die Augen. Langsam fuhr ihre Hand zu seinem Gesicht herauf. Ihre Fingerspitzen strichen, kaum den Stoff berührend, über die Bandage, bis hinunter zur Schwellung. Sie zog plötzlich ihre Hand zurück, als ob sie etwas kaputt machte.
„Tut es sehr weh?“
Er verstand nun, dass sein Diese-Nacht-Auszugehen, ihm diese Wut eingehandelt hatte. Und ohne diese Verletzung hatte er keinen Anspruch auf ihre Fürsorglichkeit. Nein, er hatte überhaupt keinen Anspruch, lediglich das Glück, sie zu haben. Er konnte dankbar dafür sein, trotz oder gerade wegen allem, das ihm in dieser Nacht zugestoßen war. „Weisheit reduziert den Schaden.“
„Was?“, fragte sie verdutzt.
„Entschuldige. Ich habe zu viel getrunken, dann habe ich eine reingekriegt und der liebe Doktor spritzte mir auch noch was. Ich bin nicht ganz richtig im Kopf.“
Ihr sorgenvoller Blick war ihm Labsal. Er nahm ihre Hand und küsste sie.
„Danke, dass du gekommen bist. Lass uns fahren.“
Ungelenk nahm er auf dem Beifahrersitz Platz. Sie führte den Schlüssel ein und das Innere des Wagens erleuchtete. Aus dem Radio dudelte das Nachtprogramm, irgendetwas, das ihn nicht interessierte. Der Wagen fuhr los.
Er war nun klar genug im Kopf, um zu realisieren, wie dumm diese Frage klingen musste, aber er verlangte endlich eine Antwort.
„Wem gehört eigentlich die Stadt?“
Sie musste einer der wenigen Menschen sein, die ihm darauf klar antworten konnte: „Im Moment der Morgendämmerung, glaube ich.“